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Dienstag, 15. Juli 2014

Der Buchblog nebenan I


Hotlistblog
Der Hotlistblog

Der Hotlistblog erwuchs aus dem Hotlistpreis, der alljährlich an Autoren und Werke aus unabhängigen Verlagen verliehen wird. Hier kümmern sich zwei emsige Korrespondenten,  mit Sitz in Wien und Berlin und liefern stetig frische Besprechungen aus dem deutschsprachigen Raum.  Ich ermuntere Sie hier, sich ein "Buchzeichen" dazu anzulegen. Oftmals sind die Verlagstexte abgedruckt, aber immer wieder gibt es die Stimme von Senta Wagner oder Meinolf Reul selbst, und das gefällt mir natürlich am besten.

Zwei jüngste Beispiele, die zur Diskussion anregen:

Kurt Wolff Stiftung

litprom
"... hier die drei weiteren Titel aus der Sommerausgabe der litprom-Bestenliste „Weltempfänger”, auch wenn die Bücher nicht aus Independent-Verlagen kommen (Hanser ist unabhängig, hat aber eine eigene Verlagsgruppe gebildet, zu der Hanser Berlin, Hanser Kinderbuch, Hanser Fachbuch, Nagel & Kimche, Deuticke, Zsolnay, Sanssouci, Fachbuchverlag Leipzig u. a. gehören, und liegt mit einem Jahresumsatz von 50 Millionen Euro um 45 Millionen Euro über der Grenze, die die Kurt Wolff Stiftung als Maximum für eine Mitgliedschaft festlegt, s. hier [*]).

Die Diskussion, was ein Independent-Verlag ist und eine genaue begriffliche Definition stehen noch aus. Vorerst genügt es vielleicht im Kopf zu behalten, dass die Bezeichnung in Anlehnung an unabhängige Plattenlabels, eben Indie-Labels, entstanden ist, in Abgrenzung zu den Major Labels.

Der Wikipedia-Artikel, wenngleich veraltet, erwähnt ganz richtig, dass Imprints keine unabhängigen Verlage sein können. Bei Verlagen wie METROLIT könnte man schon mal durcheinanderkommen. / mr"  [* weitere Links im Originalbeitrag]

*

Edition Meerauge

"Was könnte ein Meerauge bloß sein? Es hat bestimmt was mit Magie und Farbe zu tun, mit Legenden und Eiszeit. Tatsächlich wurden gleich zwei Meeraugen entdeckt: ein kleines Gewässer im Bodental in den Karawanken und ein Gletschersee in Polen in der Hohen Tatra. Ein weiterer staunenswerter Fund ist die Edition Meerauge aus Klagenfurt, die bibliophile Reihe für zeitgenössische Literatur im geschichtsträchtigen Verlag Johannes Heyn, gegründet 2010. “Bücher wie Meeraugen”, die gibt es dort, bestimmt so tiefgründig, selten und schillernd wie die obigen Naturwunder. Das Programm ist also überschaubar, bewegt sich im Prosabereich. Im Frühjahr erschien ein Titel, gleichzeitig bereits das vierte Meerauge der österreichischen Schriftstellerin Simone Schönett. Ihr Roman Der Private Abendtisch wird als “literarischer Glücksfall” bezeichnet, die Gestaltung ist hingebungsvoll. / sw"

*

Buch und Gespräch
Es gibt auf dem Hotlistblog eine Kommentartaste, aber bei mir sprach sie jedenfalls nicht an, und insgesamt scheint die Konversationskunst in unserem Land der einstmals großen Literarischen Salons zu darben, wenn man mal im Vergleich die Kommentare bei The Guardian liest (heute beispielsweise zum Tod von Nadine Gordimer).

Weswegen ich hier überhaupt den Gastbeitrag einschiebe ist, weil mich der fleissig zusammengestellte Beitrag "Schlaf etc." vom 12. Juli dazu angeregt hat.

"Im Hotlistblog geht es – was meinen Part betrifft – in Kürze weiter mit einer kleinen Serie zum Themenbereich Schlaf, Müdigkeit, Faulheit, Nichtarbeit, Muße.", wie mr am 7. Juli ankündigte, und das Thema liegt mir.

***

Jean-Luc Nancy, Vom Schlaf

Entgegen der Thematik haben hier drei Schriftsteller fleißig nachdeacht und auch mein Hirn beginnt geschäftig zu surren. Dieses "Fallen" bei Jean-Luc Nancy ... Da werden so viele Facetten angesprochen und Ausdruckstiefen. Es kann Resignation gepaart mit Protest darin liegen, oder ein Zusammensacken, oder eine Demonstration wie bei Reinhard Mai: "Wie ein Baum, den man fällt, eine Ähre im Feld - ich will im Stehen ster-her-ben". Viktor von Weizsäcker schrieb von der Arbeit, die das Schlafen eigentlich verrichtet. Es ist ein physischer Vorgang. Man liegt ja nicht einfach so herum. Na, ich hätte schon Lust, bei Nancy hineinzulesen ...

Byung-Chul Han, Müdigkeitsgesellschaft

Das ist diese Reihe bei Matthes  Seitz die dem modischen Trend erlegen ist - oder hat sie ihn vielleicht gesetzt? - Autorennamen und Titel in fetten Blockbuchstaben um die Ränder herum zu schreiben, so dass man erstmal eine Weile mit dem Entziffern zugange ist. Hm. Aber die Reihe selbst hat es in sich. "Food for thought" sagt der Engländer. Ich habe den Verlagstext zwei-, dreimal gelesen und bin etwas begriffs-stutzig geblieben und es weht ein Hauch der intellektuellen Siebziger, wie ihn damals die pinke Reihe von Rowohlt oder die stw-Reihe ausströmte. Man kann sich damit schmücken, oder man muss richtig ran und sich durchbeissen und daran arbeiten, bis man kapiert. Mir geht's jedenfalls so. Ist mit dem "Übermaß an Positivität" die Sattheit gemeint, der saturierte Bürger? Wie kommen Positivität und Depression in einen Hut? Ist es Überdruss?

Wie auch immer, so, wie ich angelegt bin, würde ich doch eher zum dritten besprochenen Buch greifen:

Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit

Ja! Unbedingt! Eins meiner Ansichten in diesen Zeiten ist, dass die Welt so voller Macher ist, die dermaßen viel kaputtmachen, dass es nur gut ist, wenn es Menschen gibt, die garnichts tun, einfach nur wesen, sozusagen. Und Lafargue betont dass mit Faulheit nicht Muße gemeint ist. Toady in Der Wind in den Weiden, mein ich, ist so ein Vertreter, der über genügend Mittel und Muße verfügt, um die verrücktesten Flausen auszuleben mit bekanntlich desaströsen Folgen, und das ist noch die unterhaltsame Variante. Oblomow dagegen, schenkt uns den wunderbaren Traum und einen dicken herrlichen Roman. Dieses Buch ist eine Genugtuung für mich selbst, die ich als Kind und Heranwachsende unter dem Vorwurf der Faulheit heranwuchs. Ich weiss also von der verborgenen Welt die sich in der Faulheit verschließt, und sie ist mannigfaltig. Es wäre also das Thema auch im Zusammenhang mit dem Heranwachsen zu betrachten und sozio-historisch auf Jugend in Deutschland. Hartmut von Hentig hat da beispielsweise Ansätze, die es zu diskutieren gäbe.

Jetzt frage ich mich, ob einer hier inzwischen eines der Bücher gelesen hat. Der Hotlistblog weckt jedenfalls Lust, und dafür sage ich Danke.

Freitag, 7. März 2014

Willkommen, ihr Schweizer! Willkommen alle Leser!



Anlässlich des Auftritts Schweiz bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse lädt die Schröersche Buchhandlung hoch oben vom Schöneberg alle Leser ein, zum Klettern in geistige und vergnügliche Höhen.

Transit

Auftritt Schweiz Fenster, März 2014 Schweizer Verlage

Schweizer Autoren
Detail: Ganz oben
siehe auch:
Schröersche Ereignisse
Schröerscher Merkur

Dienstag, 3. September 2013

Berenberg Bravo Bravissimo!


Schaufenster September 2013

Berenberg
Am Drama-Vorlese-Montag lasen wir zur Probe etwas in Olof Lagercrantz Buch "Strindberg und ich", und da wunderte ich mich aufs Neue, warum nicht viel mehr Menschen Interesse an den Berenberg Büchern zeigen, die doch alle sehr sorgfältig ediert und kunstfertig gebunden daherkommen und inhaltlich Vieles zu bieten haben. So habe ich jedenfalls - in der Übersetzung von Renate Bleibtreu - Lagercrantz entdeckt mit seinem hellen Verstand und verhaltenen Humor und seiner Eleganz in der Formulierung. Inzwischen hörte ich, dass es von ihm - im Insel Verlag - eine lohnenswerte Einführung zu Dantes Göttlicher Kommödie gab, auf die ich nun neugierig bin. Außerdem habe ich wirklich Lust, endlich mal etwas von Strindberg selbst zu lesen. Bei Berenberg gibt es von ihm Schriften aus dem Nachlass: "Notizen eines Zweiflers".


Berenberg
Berenberg bietet auch ein umfangreiches Programm zu aufrechten Denkern und Akteuren zwischen und nach den Weltkriegen. Darunter sind wahrhafte Europäer, wie der wenig bekannte Katalane Xammar, der in dieser Stadt Berlin über die Inflation berichtete und wie es dazu kam und wie seine Folgen sich zeigten, alles im Geist der Völkerverständigung, dessen Niedergang er kommen sah. ("Das Schlangenei")

Berenberg
Eine Linie geht den Genüssen und Freuden nach, Film, Mode, Sport, den schönen Künsten.  Dieses Jahr ist beispielsweise ein Buch über die frühen Jahre Hollywoods erschienen: "Selig & Boggs". Mich reizt auch A. J. Lieblings "Zwischen den Gängen", Ein Pariser Menu 1930–1960. Das würde schön meine Lektüre ergänzen vom "Alice B. Toklas Cookbook", bei der mir die Fischmenus im Krieg noch in guter Erinnerung geblieben sind, als es nur noch von der ganz kleinen Sorte gab. (Bertrand Russell beobachtete in seinen Memoiren bei seiner Rußlandreise, dass die Fischgerichte der Bevölkerung dort nur Kopf und Schwanz enthielten, und er wunderte sich, was aus all den fehlenden Bäuchen geworden war).

Dann gibt es Übersetzungen zur Literatur von den Vereinigten Königreichen, sei es zu Samuel Beckett oder von Christopher Isherwood oder Jessica Mitford, Perry Anderson usw. Außerdem gibt es noch einen Schatz an Büchern über Literatur, beispielsweise von Michael Maar oder von Joachim Kalka (der bei Berenberg auch fleißig übersetzt). Literatur von Argentinien und Brasilien und vieles Mehr ist zu entdecken. Auf der Internet-Ladenseite können Sie mehr der vorrätigen Titel sehen (und gerne auch kaufen), die gerade allesamt im Schaufenster versammelt sind und ein Hoch auf den Berenberg Verlag anstimmen. Ich freue mich über jedes Interesse und natürlich erst Recht über jeden Käufer.

Berenberg
Berenberg
Berenberg
Berenberg
Die Verlags-Links leiten Sie auf die geschmackvoll gestaltete Seite vom Berenberg Verlag. Die Titel-Links führen zu der prosaischeren Seite von schröersche.eu, über die Sie aber tatkräftig den lokalen Buchhandel unterstützen können ....

Freitag, 19. Juli 2013

item Zeitungsartikel


England - Connection
Merkur und die Eule
Im Mai wurden hier die ersten buchbezogenen Kuriositäten präsentiert, die von jenseits des Ärmelkanals hier in der Buchhandlung eintrafen. item Briefmarken mit der Queen, item Ashmolean Eule. Die Serie England-Connection wird fortgesetzt:

Warum ein Buch?
Financial Times
item ein Zeitungsausschnitt aus der Financial Times vom 8./9. Dezember 2012. Die vergangenen Monate haben sein Alt-Rosé noch tiefer getönt. In der Buchbesprechung zu Buch, Papier und Tinte liefert Autor Andrew Martin eine gute Antwort auf die Frage:
"The physical book seems like a fitting reward for the labour of writing a book. It is flattering that third parties – typesetters, printers, designers – are roped in on your behalf." 
Also etwa: "Das Buch als Ding erscheint als angemessener Lohn des Bücher-Schreibens. Es schmeichelt, dass Dritte - Setzer, Hersteller, Designer - unseretwegen im Prozess eingebunden sind."

Pan Macmillan
Das Tintenbuch möchte ich bei Gelegenheit ins Buchprogramm der Schröerschen aufnehmen, nachdem ich einen verlockenden Blogeintrag auf der Seite von  dovegreyreader dazu las: The Missing Ink - The Lost Art of Handwriting (and Why it Still Matters) ~ Philip Hensher

C. H. Beck
Der Artikel wurde mit einem Bild von Adolf von Menzel angereichert: Hand des Künstlers mit Buch. Angaben liefert das Bildarchiv Foto Marburg. Das Original befindet sich hier in Berlin im Kupferstichkabinett. Die Staatlichen Museen zu Berlin befinden sich praktisch seit Mauerfall in ständigem Wandel. Das Buch von Alexander Dückers zur Sammlung ist vergriffen, und ich habe keinen aktuellen Katalog oder Bildband zur Sammlung finden können. Immerhin gibt es in der ausgezeichneten Beck'schen Reihe Wissen im C. H. Beck Verlag von Werner Busch "Adolf Menzel Leben und Werk". Die Abbildung fehlt aber auch dort. Fündig wurde ich auf der Internetseite: the-athenaeum.org

the athenaeum.org


Montag, 24. Juni 2013

Falkner und Hein


kookbooks
Einen Kommentar von M* aufgreifend weise ich hier noch einmal ausdrücklich im Zusammenhang mit dem Beitrag zu Christoph Hein vom 5. April auf den Lyrikband Pergamon Poems hin, zu dem mir die Erinnerung einen Streich gespielt hatte.

Gerhard Falkner
Pergamon Poems

Gedichte & Clips
deutsch-englisch, ins Englische von Mark Anderson
kookbooks, 2012
Reihe Lyrik, Band 26
broschiert mit DVD, 19,90 €

Es war also Gerhard Falkner, der von Denis Scheck im Pergamon Museum interviewt worden war. Ob Hein oder Falkner - mit beiden ist es ein Gewinn, Alte Geschichte(n) aufzuspüren.

PS: Das Kommentarfeld bestellen zu können scheint noch etwas problematisch zu sein (- bestellen hier wie "Felder bestellen", das Buch bestellen sollen Sie natürlich obendrein gerne, kein Problem! -).

Was kommentieren betrifft: Hoffentlich lassen Sie sich nicht entmutigen. Es gibt immer noch den Weg über e-mail info@buch-haimberger.de, dass Ihr Beitrag hierher findet. Tips zur Technik nehme ich auch gerne entgegen.

Samstag, 18. Mai 2013

Mit einem Satz hinein


Insel
Die Frankfurter Buchmesse wird in diesem Jahr Brasilien zum Gastland haben, und so tauchen schon jetzt Titel brasilianischer Autoren auf, oder beispielsweise auch das Buch von Stefan Zweig zu Brasilien.
Wagenbach
Wagenbach
Wagenbach

Außerdem ist noch das ein oder andere Buch im kleinen Fenster präsentiert, das mich in der Ankündigung neugierig gemacht hat. Hier tauchen wir also den großen Zeh ein und testen mal das Wasser an, um metaphorisch die Lesesaison Sommer zu beschwören. Der mutige springt mit einem Satz hinein und kommt am Ende wieder heraus, erfrischt, bereichert und verwandelt.
Suhrkamp
Kiepenheuer & Witsch


"Es gibt Goldstaub und Goldkörner in Fülle, aber es gibt kein Brot und keinen Mais und keinen Käse und keine Milch und kein Fleisch, um die Zehntausende, die vielleicht Hunderttausende zu verköstigen in dieser Bergwildnis ohne Vorräte, ohne Viehstand und ohne Frucht. Glücklicherweise treibt die Aussicht, ihre Ware zum fünffachen, zum zehnfachen Preis und diesen noch in bares Geld bezahlt zu bekommen, die Kaufleute zu verzehnfachter Anstrengung."
Stefan Zweig über Minas Gerais vor 1700 in Brasilien, S. 113 
*** 
"Er sah die Wolken, die an den blauen Abendhimmel zerflossen. Das machte ihn verdrießlich"
Graciliano Ramos über "Das jüngere Kind" in  
Karges Leben, S. 56. Übersetzt von Willy Keller
*** 
"Alles wurde blau von einer gewaltigen Rauchwolke, aber der Hurensohn entkam zunächst den sechs Schüssen, die ich im Karacho auf ihn abfeuerte, die Linke auf dem Erdboden, und verschanzte sich zwischen zwei Baumstämmen, von beiden ein wenig behindert, wenn auch sein Trupp ihm den Rücken deckte und dem anhaltenden Gewehrfeuer standhielt."
João Ubaldo Ribeiro über eine grausige Geschichte in Sargento Getúlio
S.79. Übersetzt von Curt Meyer-Clason
*** 
"Einmal wollte sich mein Chef die Haare schneiden lassen, und ich bot mich an, es zu machen, obwohl ich mit der Schere gerade mal so viel Erfahrung hatte, um die Fotos zurechtzuschneiden, die die Maschine wie von Geisterhand ausspuckte."
Andréa del Fuego in Camping Calamares 
aus der Sammlung Popcorn unterm Zuckerhut
 S. 100. Übersetzt von Marianne Gareis
*** 
"Ich zünde keine Autos an, ich zünde auch keine Häuser oder Kinderwagen an, ich bin kein Zündler und kein Pyromane, das Feuer fasziniert mich nicht, es regt mich nicht an."
Gregor Henz  in Autodafe
aus der Sammlung Berlin bei Nacht, S. 63
*** 
"Ray Manzareks Intro zu 'Strange Days' ist der gespenstischste Moment in der Karriere der Doors und einer der betörensten."
Greil Marcus in The Doors, S. 137. 
Übersetzt von Fritz Schneider
*** 
S. Fischer
Yale University Press
"Die Vergangenheit schläft an meiner Seite / Wie das Klingeln / an der Seite seines Großvaters schläft, / Des Glockenläutens. / Die Verbitterung folgt mir / Wie die Küken / Der Henne folgen. / Und der Horizont, / Dieses über Sand und Tränen / Fest geschlossene Augenlid - / Was hinterließ er, / Was versprach er dir?" 
Taha Muhammad, Die Glocke vierzig Jahre nach der Zerstörung eines Dorfes, S. 56, in 
An den Ufern der Dunkelheit, Gedichte aus Palästina. Übersetzt von Stefan Weidner
*** 
"The house is dark in the February damp, but when she opens the door to let me in, Imm Nizar is laughing. It seems to tickle her that I got lost on my way to the home she almost never leaves, and that - after driving in confused loops around a dingy Nazareth neighborhood where teenagers tinker with half stripped cars and packs of chickens scuttle - I gave up, pulled to the side, and called to ask for help."
Adina Hoffman in My Happiness Bears No Relation to Happiness
A Poet's Life in the Palestinian Century, S. 1
S. Fischer
*** 
"Wie geht es Herrn Kiyak, will der Psychologe wissen. Herr Kiyak dachte, jetzt beginne der schöne Teil des Lebens, umschreibe ich vorsichtig Papas Lage. So eine Nachricht platzt immer überraschend rein, erklärt er mir. Ist das so, frage ich."
Mely Kiyak in  
Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an, S. 98
*** 

Freitag, 10. Mai 2013

Wie das - vielleicht - war mit Goliath


Patronatskind No 2

Es waren die Lummerjahre in der Zeit, als der sanfte und weise Richard von Weizsäcker als Bürgermeister die große Stadt Berlin regierte, - wenn er nicht gerade auf Reisen weilte. In der immer noch geteilten Stadt im Westen schoben sich viele Flüchtlinge aus dem bürgerkriegserschütterten Ceylon, aus Persien und aus den Bergen im Kurdengebiet. In Kreuzberg, in den heruntergekommenen Mietshäusern mit ihren vom Krieg her pockennarbigen Fassaden, wuchsen Frust und Groll bei Studenten, Arbeitslosen, abgewirtschafteten Arbeitern. Die Bundesregierung wollte lauter Sachen wissen in einer Volkszählung, die sie nichts anging und mit der sie den Gehorsam testen wollte.

In der Zeitung erschien das Photo vom alten knurrigen Helmut Gollwitzer, der eine Matratze auf seinem Kopf zu einem der besetzten Häuser transportierte. Die Polizei mochte die Hausbesetzer, und überhaupt alle Raudis, gar nicht, und es wurden Knüppel gezogen, und die grünen Minnas wetzten durch die Straßen zum nächsten Einsatz. Innensenator Lummer verhängte eines Tages sogar eine Stadtteilsperre in SO36, und das war, wo es in den Straßen richtig anfing zu kochen.


Reprodukt
Tom Gauld
Goliath
Ü: Nicolas Mahler
Reprodukt, 2012
15,00 €


In diesen wilden Zeiten also besuchte ich hin und wieder die Messe in St. Marien Liebfrauen in der Wrangelstraße, weil dort ein guter Mann Gottes gegen Hass und Gewalt predigte und die Türen und Arme für alle öffnete, ganz gleich auf welcher Seite sie sein mochten. Da war eine seiner Predigten tatsächlich über Goliath, den furchtbar großen und starken Mann in seiner undurchdringlichen Rüstung, und was Pfarrer Klaus Kliesch uns fragte war, was wohl zum Vorschein käme, wenn der Mensch Goliath aus seiner Rüstung heraussteigen würde. Vielleicht wär er ja gar kein brutaler Grobian, sondern vielleicht ein sensibler und trauriger Mensch, der zu seiner Rolle verdonnert wäre und nicht wüßte, wie ihm geschähe.... Und was ist mit den Bullen, und mit Lummer, waren die nicht auch Menschen?

Buchpatron werden
All das kam mir wieder in den Sinn bei Erscheinen dieses kargen, ruhigen, man möchte sagen brummeligen Comic, in dem es um genau diesen Herrn Goliath geht. Wir brauchen gar nicht dreißig, vierzig Jahre oder zwei Jahrtausende in die Geschichte zurückzukehren, um von dieser Geschichte aufs Neue angesprochen zu werden; inzwischen hat sich ja der "Feind" in den Sprachgebrauch und in die Weltsicht wieder eingefunden, aus denen er hier in Deutschland beinahe ganz verschwunden gewesen war. Dadurch ist unsere Zeit wieder ein ganzes Stück kälter und unmenschlicher geworden, und es ist ein guter Akt der Besinnung, diese Buch aufzuschlagen, die Geschichte zu betrachten, Seite um Seite, und sich seinen Teil dabei zu denken und sich zu fragen, was für ein Mensch wohl dieser Goliath sein könnte, der uns Tag für Tag anbrüllt und zum Kampf auffordert.


PS: Tom Gauld veröffentlicht seine Cartoons unter anderem im Guardian. 

Freitag, 5. April 2013

"Das Paradies der Paradiese"


Insel
So heisst die erste Erzählung in dem Buch von Christoph Hein, Vor der Zeit. Ich hab mal probehalber hereingeschaut und wollte gleich das ganze Buch weiterlesen. Christoph Hein erzählt, die Geschichte wickelt sich auf, und sie verstrickt einen zugleich. Es geht um alte Geschichten und alte Mythen, aber schon mit "Das Paradies der Paradiese" sehe ich die Einschätzung vom Klappentext bestätigt: "dass die neuen Erzählungen von Christoph Hein ins Herz der Gegenwart zielen" Der Inselverlag präsentiert Christoph Heins "Korrekturen" - so der Untertitel - als feines, in Leinen gebundenes Buch von solchem Rot, wie es die griechischen Vasen haben. Es ist schön großzügig gesetzt auf chamoisfarbenen Papier.

Irgendwann gab es ein Interview vor der Kulisse des Pergamonmuseums. Da bin ich mir ziemlich sicher, dass es um Christoph Hein und sein neues Buch ging; aber ob es nun mit Denis Scheck oder mit Wolfgang Herles oder mit Dietmar Moor gewesen ist, weiss ich nicht zu sagen und konnte es auch nicht im Internet ausfindig machen*. Was ich aber sagen will, so haben wir hier in Berlin das Glück, solche Stätten eben aufzusuchen. Bei einem Besuch der Ausstellung zu Ausgrabungsschätzen von Ur hatte ich dies Erlebnis, wie nah uns die ferne Vergangenheit sein kann. Auch, als ich Joseph in Ägypten, von Thomas Mann, las war es mir, als seien all diese Ägypter Leute aus meiner Nachbarschaft. Christoph Hein zielt weiter, als dass er nur die Menschen der Vergangenheit lebendig werden läßt. Bei ihm geht es darüberhinaus um Modelle des Zusammenlebens, um Zielsetzungen und um Umsetzungen. Es geht um wache Teilhabe und um wachsendes Verständnis füreinander. Und nicht zuletzt ist Christoph Hein ein großer Erzähler.

* Korrektur, siehe Kommentar unten und: Falkner und Hein


Sonntag, 17. Februar 2013

Denken, singen, lachen, lesen

In den letzten Tagen traf ein Stäpelchen Bücher ein, drei Neuerscheinungen darunter:
Hanser

Antonio Tabucchi
Die Autobiographien der anderen

Über die Bücher und das Leben
Edition Akzente
978-3-446-24134-3
kt 15,90 €

feltrinelli.it
Von Tabucchi las ich auf Empfehlung meines Bruders – ein Romanisten-Fan - vor einigen Jahren "Erklärt Pereira", ein Buch das ich unbedingt empfehle und das um den stillen Mut des Einzelnen geht und um die Phantasie des Herzens, in diesem Fall was Civilcourage betrifft. In diesem Titel nun, übersetzt (it) von Karin Fleischanderl, geleitet uns der Autor, wie es scheint, durch sein Leben mit den Büchern, die er schrieb, also den Menschen und ihren Leben, die den Stoff dazu lieferten.
Hanser
Hanser
Hanser

Hanser
Die Edition Akzente mit ihrer Klappbroschur ist eine bibliophile Reihe, die für reichen Inhalt wenig Geld verlangt. In der Buchhandlung sind folgende weitere spannenden Titel vorrätig: Wolf Lepenies, Auguste Compte; Roland Barthes, Tagebuch der Trauer; Peter Hamm, Pessoas Traum und Claudio Magris, Das Alphabet der Welt.

Suhrkamp
Ganz was anderes:
Klaus Bittermann
Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol

Kreuzberger Szenen
st 4417
8,99 €

Das ist ein kurzweiliger Rundgang durch die Nachbarschaft, wobei Bittermann schnoddrig-kauzig Kommentare zu Typen und Szenen liefert. Bald kann man sich wieder draußen im Straßencafé am Tischchen mit einem Espresso niederlassen oder am Landwehrkanal auf dem Mäuerchen sitzen und mit den Beinen baumeln. Da ist dies eine passende Lektüre, besonders, wenn man zu zweit ist und ab und zu dem anderen Teile davon vorlesen kann zum gemeinsam drüber lachen. Bittermann liest übrigens in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung am 7. März.

Reclam
Chansons populaires de France, de Suisse,
de Belgique et du Canada
[voire même!]
Notensatz und Harmonisierung: Dieter Profos
4,80 €

Aloutte – klar, das kennt Jeder. Aber jetzt können wir endlich auch so aufregende Liedchen lernen wie: J'ai du bon tabac dans ma tabatière oder Maudit sois-tu, carilloneur. Noten und Gitarrengriffe gibt's dazu, und auch Vokabelhilfen. Jetzt ist kein halten mehr. 51 Lieder aus alten und neuen Zeiten, nebst Vorwort, editorischen Notizen und Literaturhinweisen! Hurra, Reclam. Ich liebe Dich!
Hanser
Zsolnay


Außerdem trafen noch ein: Robert Menasse; Der Europäische Landbote und Gaito Gasdanow; Das Phantom des Alexander Wolf.